Unsere Alltagswelt ist von Normen geprägt. Von „A“ wie Augenschraube (DIN 580) bis „Z“ wie Zylinderschraube mit Innensechskant (DIN 912) sind die Objekte, die uns in unserer Lebens- und Arbeitswelt begegnen, genormt. Wäre die Beschaffenheit auch kleiner Gegenstände wie Schrauben, Steckverbinder oder Kontakte nicht genormt, würde „kein Deckel mehr auf den Topf passen“. Normen sind ein Garant für das reibungslose Funktionieren unserer komplexen wirtschaftlichen und industriellen Systeme. Das gilt auch für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau. Welche Normen hier von besonderer Bedeutung sind und wie sie sich auf Vorschriften und Zertifizierungen auswirken, wird in diesem Blog beschrieben.
Warum gibt es Normen in der Industrie?
Durch das Festlegen klarer Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen und Verfahren schaffen Normen verlässliche Rahmenbedingungen und tragen so maßgeblich zu Effizienz, Qualität und Sicherheit bei. Aus wirtschaftlicher Sicht bieten sie einen großen Mehrwert: Da sie eine hersteller- und oft auch länderübergreifende Standardisierung gewährleisten, machen sie es möglich, dass Produkte und Dienstleistungen weltweit vergleichbar und vertrauenswürdig sind. Käufer können sich so auf gleichbleibende Qualität verlassen, während Hersteller von schnelleren Markteinführungen und bei international gültigen Normen auch von größeren Absatzmärkten profitieren. Anwender sind nur so in der Lage, Komponenten zu Systemen zusammenzufügen.
Normgebende Institutionen
Normen werden durch normgebende Institute festgelegt. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um Organisationen, in denen Vertreter verschiedener Unternehmen gemeinsam neue Normen erarbeiten und bestehende überarbeiten. Je nach Land ist der staatliche Einfluss eher gering (Deutschland) oder hoch (China). Zu den wichtigsten normgebenden Institutionen für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau zählen:
- IEC: International Electrotechnical Commission
- EN: Europäische Norm (herausgegeben von CEN – European Committee for Standardization bzw. CENELEC – European Committee for Electrotechnical Standardization)
- DIN: Deutsches Institut für Normung e. V.
Zusammenhang von IEC, EN und DIN
Sieht eine Normen so aus: DIN EN IEC 61234, dann bedeutet diese Schreibweise, dass es sich um die europäische (EN) und deutsche (DIN) Ausgabe der betreffenden IEC-Norm handelt. Steuerungs- und Schaltanlagenbauer haben damit die Bestätigung, dass die internationale IEC-Norm auch europäisch bzw. national gültig ist. In Ausnahmefällen kann die deutsche Version einer IEC-Norm noch kleinere Ergänzungen für den lokalen Markt enthalten. Soll die Bezeichnung IEC erhalten bleiben, sind allerdings nur solche Ergänzungen und keine Änderungen am Ausgangstext erlaubt.
Welche Normen müssen Steuerungs- und Schaltanlagenbauer beachten?
Im Steuerungs- und Schaltanlagenbau sind Normen unverzichtbar. Sie beziehen sich auf Funktionalität, Sicherheit und Kompatibilität. Je nach Einsatzbereich eines Schaltschranks gelten unterschiedliche, teils branchenspezifische Anforderungen. Die folgende Auflistung bietet einen Überblick über relevante Schaltschranknormen.
Wichtig: Welche Normen im konkreten Projekt anzuwenden sind, hängt von vielen Faktoren wie dem Einsatzort, der Branche oder lokalen Vorschriften ab. Hier ist stets die Expertise erforderlich, um alle Anforderungen korrekt bewerten und umsetzen zu können.
IEC-Normen
Die International Electrotechnical Commission ist als internationale Normungsorganisation im Bereich Elektro und Elektrotechnik von überragender Bedeutung für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau und findet branchenübergreifend Anwendung.
| Norm | Kurzbeschreibung |
| IEC 66208 | Spezifiziert die allgemeinen Anforderungen, Prüfverfahren und Klassifizierungen für Leergehäuse von Niederspannungs-Schaltanlagen. |
| IEC 63000 | Legt Anforderungen an die technische Dokumentation fest, mit der Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten nachweisen müssen, dass ein Produkt keine unzulässigen Mengen an gefährlichen Stoffen wie Blei oder Quecksilber enthält. |
| IEC 61439 | Beschreibt sicherheitstechnische Anforderungen an elektrische Betriebsmittel für Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen, um Personen und Anlagen zu schützen. |
Lokale Normen für Nordamerika, Beispiel explosionsgefährdete Bereiche
In der EU und in Deutschland werden IEC-Normen nach Möglichkeit unverändert übernommen und nur um lokale Spezifikationen ergänzt. In den USA, einem zentralen Absatzmarkt für deutsche Hersteller, ist das anders. Hier gibt die Underwriters Laboratories (UL) spezifische, lokale UL-Normen für Schaltschränke heraus.
| Norm | Kurzbeschreibung |
| UL 508A | Betrifft alle Aspekte, die sicherstellen, dass bei ordnungsgemäßem Umgang mit einem Schaltschrank keine Gefahr für Mensch und Material besteht. |
| UL 698A | Nur relevant, wenn die mit dem Schaltschrank verbundene Maschine in einem explosionsgefährdeten Bereich steht, der Schaltschrank selbst aber nicht. Sieht im Gegensatz zur UL 508A eine höhere technische Eigensicherheit des Schaltschranks vor. Fehlfunktionen im Schaltschrank dürfen keine Auswirkungen auf den explosionsgefährdeten Bereich haben. |
| UL 1203 | Kommt nur zur Anwendung, wenn sich der Schaltschrank selbst in einem explosionsgefährdeten Bereich befindet. Sieht noch höhere Sicherheitsstandards als die UL 698A vor. |
Im Vergleich zu IEC-Normen berücksichtigen UL-Normen spezielle US-amerikanische Anforderungen wie die niedrigere Netzspannung in den USA (120 V bei 60 Hertz, statt 230 V bei 50 Hertz), strengere Brandschutzanforderungen und lokale Schutzleiter- und Erdungsvorgaben.
Neben der UL existieren weitere Institute in Nordamerika, die relevante Normen für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau veröffentlicht haben:
- C-UL: Kanadische Variante der UL-Norm, die spezifische Anforderungen des kanadischen Marktes berücksichtigt.
- CSA: Kanadische Normen von der Canadian Standards Association.
- cURus: Kombinierte Normen für den US- und kanadischen Markt.
Wenn Normen zur Pflicht werden
Grundsätzlich dürfen Normen nicht mit gesetzlichen Vorschriften oder anderen verpflichtenden Regelwerken verwechselt werden. Normen liefern zunächst lediglich eine unverbindliche Beschreibung, wie sich bestimmte qualitative oder sicherheitsbezogene Anforderungen an Produkte, Anlagen oder technische Systeme fachgerecht erfüllen lassen.
In der Praxis haben viele Normen aber dennoch einen verpflichtenden Charakter. Das liegt zum einen daran, dass sie oft fester Bestandteil von Ausschreibungen sind. Wer zum Beispiel einen Schaltschrank in Auftrag gibt, kann so sicherstellen, dass das finale Produkt auch wirklich höchsten Ansprüchen genügt. Insbesondere für die Absicherung von Investitionen oder die Gewährleistung eines adäquaten Versicherungsschutzes ist das relevant.
Zum anderen existieren in nahezu allen Industriebranchen gesetzliche Vorschriften, die die Einhaltung bestimmter grundlegender Anforderungen verlangen. Ein typisches Beispiel ist die EU‑Konformitätserklärung:
Hersteller erklären darin verbindlich, dass ihre Produkte den einschlägigen europäischen Richtlinien entsprechen, wie etwa der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU. Gleichzeitig werden zur Konkretisierung dieser Anforderungen harmonisierte Normen herangezogen, beispielsweise die EN 62208 für leere Gehäuse von Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen.
Dieses Zusammenspiel zeigt, dass gesetzliche Vorgaben in der Regel keine konkreten technischen Lösungen vorschreiben, sondern Schutzziele definieren. Die praktische Umsetzung erfolgt dann über anerkannte Normen und Regelwerke.
Zum anderen existieren in nahezu allen Industriebranchen gesetzliche Vorschriften, die die Einhaltung bestimmter grundlegender Anforderungen verlangen. Ein typisches Beispiel ist die EU‑Konformitätserklärung:
Hersteller erklären darin verbindlich, dass ihre Produkte den einschlägigen europäischen Richtlinien entsprechen, wie etwa der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU. Gleichzeitig werden zur Konkretisierung dieser Anforderungen harmonisierte Normen herangezogen, beispielsweise die EN 62208 für leere Gehäuse von Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen.
Dieses Zusammenspiel zeigt, dass gesetzliche Vorgaben in der Regel keine konkreten technischen Lösungen vorschreiben, sondern Schutzziele definieren. Die praktische Umsetzung erfolgt dann über anerkannte Normen und Regelwerke.
Für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau relevante Vorschriften, die auf Normen basieren:
| Vorschriften | Kurzbeschreibung |
| EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG | Legt grundlegende Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen für Maschinen fest, um ein hohes Schutzniveau für Benutzer zu gewährleisten. Ermöglicht als einheitliche Richtlinie den freien Warenverkehr innerhalb der EU. |
| EU-Maschinenverordnung 2023/1230/EU | Regelt die Sicherheitsanforderungen für Maschinen und zugehörige Teile wie Schaltschränke über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf Digitalisierung, Software und vernetzten Systemen. Ab Januar 2027 ist sie für alle neuen Maschinen verbindlich und ersetzt die bisher gültig EU-Maschinenrichtlinie vollständig. |
| Elektromagnetische Verträglichkeit 2014/30/EU | Schreibt vor, dass elektrische Geräte wie Schaltschränke in ihrer elektromagnetischen Umgebung keine anderen Geräte durch elektromagnetische Effekte stören dürfen oder umgekehrt durch elektromagnetische Effekte gestört werden. |
| Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU | Legt Sicherheitsanforderungen für elektrische Betriebsmittel fest, die für eine Spannung zwischen 50 und 1000 V (Wechselstrom) oder 75 und 1500 V (Gleichstrom) ausgelegt sind. |
| Verordnung (EG) 1935/2004 | Ist die europäische Rahmenverordnung für Materialien und Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen. Sie stellt sicher, dass Maschinen die Lebensmittelqualität nicht inakzeptabel verändern. |
| ATEX-Richtlinie | Regelt die Anforderungen für Geräte und Schutzsysteme, die in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden, um die Sicherheit von Personen und Anlagen zu gewährleisten. |
Zertifizierungen: Der Nachweis für Sicherheit und Marktzugang
Wie relevant Normen für die Praxis des Steuerungs- und Schaltanlagenbaus sind, zeigt sich aber nicht nur im Fall von gesetzlichen Vorschriften. Auch für die Vergabe von Zertifikaten, die häufig eine entscheidende Voraussetzung für den Marktzugang oder den Erhalt bestimmter Versicherungsleistungen bilden, spielen Normen eine wichtige Rolle. Dabei ist es in der Regel so, dass Zertifikate bestätigen, dass ein Produkt eine bestimmte Norm erfüllt.
In der maritimen Industrie, z. B., herrschen Belastungen durch Salzwasser, Vibrationen, extreme Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Um zu dokumentieren, dass die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Langlebigkeit von Schaltschränken auf Schiffen, Bohrinseln oder in Häfen gewährleisten ist, zertifizieren drei führende Gesellschaften Schaltschrankgehäuse und andere Geräte auf ihre maritime Tauglichkeit.
| Zertifizierungsgesellschaft | Kurzbeschreibung |
| Bureau Veritas | Eine der führenden Klassifikationsgesellschaften, die internationale Standards für Sicherheit, Qualität und Umweltschutz im maritimen Sektor setzt. |
| DNV | Entstanden aus der Fusion von Det Norske Veritas und Germanischer Lloyd. Zertifiziert maritime Ausrüstung nach Sicherheits- und Qualitätskriterien. |
| Lloyds Register of Shipping | Definiert und prüft Standards für die Sicherheit und Zuverlässigkeit maritimer Systeme und Komponenten. |
Erstellung normgerechter Anlagen
Um normgerechte Anlangen zu erstellen, ist erhebliches Fachwissen erforderlich. Ingenieure und Fachkräfte, die Anlagen entwickeln und planen, müssen viele Produkt- und Anwendungsnormen kennen und sicherstellen, dass sie bei der Erstellung der Anlage eingehalten werden. Die Friedhelm Loh Group hat sich zum Ziel gesetzt, diese wichtige und zugleich schwierige Aufgabe umfassend zu unterstützen.
Mit Eplan als führender ECAD-Software werden Anlagen normgerecht geplant, indem Normen und Standards im System hinterlegt sind und so automatisch sichergestellt ist, dass Normen eingehalten werden. Rittal als Hersteller wesentlicher Komponenten von Schaltanlagen wie Schaltschränken, Kühlgeräten oder Stromverteilungskomponenten berücksichtigt die relevanten Normen und Standards bei der Produktentwicklung und testet sie entsprechend.
Werden Anlagen mit Eplan geplant und auf Basis von Rittal-Produkten gebaut, sind wesentliche Schritte auf dem Weg zur normgerechten Anlage bereits gemacht.
Fazit
Normen spielen in der globalen Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Steuerungs- und Schaltanlagenbauer können mithilfe von Normen Schaltschränke liefern, die korrekt ausgelegt sind und den lokalen oder branchenspezifischen Anforderungen entsprechen. Welche Normen es zu beachten gilt, muss je nach Anwendungsbereich und -ort von Fachleuten geprüft werden. Gleichzeitig sind Normen die Grundlage für gesetzlich bindende Vorschriften und branchenspezifische Zertifikate. Durch die Verwendung von Eplan im Engineering den Einsatz von Rittal-Produkten wird der Weg zur normgerechten Anlage erheblich vereinfacht.
FAQ
1. Warum sind Normen im Steuerungs- und Schaltanlagenbau wichtig?
Normen schaffen einheitliche Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen und Verfahren. Dadurch erhöhen sie Sicherheit, Qualität und Kompatibilität. Für den Steuerungs- und Schaltanlagenbau sind sie unverzichtbar, da sie sicherstellen, dass Komponenten zuverlässig zusammenarbeiten und Schaltschränke den jeweiligen technischen und rechtlichen Anforderungen entsprechen.
2. Welche Normen sind für Schaltschränke besonders relevant?
Zu den wichtigsten internationalen Normen zählen die IEC 62208 für Leergehäuse von Niederspannungs-Schaltanlagen, die IEC 63000 für die technische Dokumentation bezüglich gefährlicher Stoffe sowie die IEC 61439 für Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen. Welche Normen tatsächlich anzuwenden sind, hängt jedoch vom Einsatzbereich, der Branche und dem jeweiligen Markt ab.
3. Was bedeutet die Bezeichnung DIN EN IEC bei einer Norm?
Eine Bezeichnung wie DIN EN IEC zeigt, dass eine internationale IEC-Norm sowohl auf europäischer Ebene (EN) als auch auf nationaler Ebene in Deutschland (DIN) übernommen wurde. Für Schaltschrankbauer bedeutet dies, dass die betreffende Norm international, europaweit und in Deutschland anerkannt und gültig ist.
4. Sind Normen für Schaltschränke gesetzlich vorgeschrieben?
Normen sind grundsätzlich keine Gesetze. In der Praxis erhalten sie jedoch häufig verpflichtenden Charakter, etwa durch Ausschreibungen, Kundenanforderungen oder gesetzliche Vorgaben wie die Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU. Normen dienen dabei als anerkannte Grundlage, um gesetzliche Schutzziele technisch umzusetzen und die Konformität nachzuweisen.
5. Welche Besonderheiten gelten für Schaltschränke in den USA und Kanada?
Für den nordamerikanischen Markt gelten häufig nicht die IEC-Normen, sondern spezielle UL- und CSA-Normen. Beispiele sind die UL 508A für allgemeine Sicherheitsanforderungen an Schaltschränke sowie die UL 698A und UL 1203 für Anwendungen in explosionsgefährdeten Bereichen. Diese Normen berücksichtigen unter anderem lokale Anforderungen an Netzspannung, Brandschutz und Erdung.
6. Welche Rolle spielen Zertifizierungen bei Schaltschränken?
Zertifizierungen bestätigen, dass Produkte bestimmte Normen erfüllen. Sie sind oft Voraussetzung für den Marktzugang, Ausschreibungen oder Versicherungsschutz. Besonders in anspruchsvollen Branchen wie der maritimen Industrie prüfen Zertifizierungsgesellschaften wie Bureau Veritas, DNV oder Lloyd’s Register, ob Schaltschränke den geforderten Sicherheits- und Qualitätsstandards entsprechen.
Dr. Dirk Pieler
Executive Vice President Business Unit Industry Solutions bei Rittal
Mit langjähriger Erfahrung in der Industrie fördert Dirk Pieler die digitale Transformation und Automatisierung im Schaltschrankbau.