Direct Liquid Cooling: Warum KI-Rechenzentren auf Flüssigkeitskühlung setzen

Juli 21 2026

Autor: Lars Platzhoff

Keine andere Technologie hat unsere Lebens- und Arbeitswelten in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert wie die KI. Aktuell ist kaum absehbar, wohin diese Entwicklung noch führt. Klar ist aber auch, dass jeder Dialog mit einem Chatbot Unmengen an Rechenleistung erfordert. Und das bringt herkömmliche Rechenzentrumsinfrastruktur zunehmend an ihre Grenzen – insbesondere was die Gefahren durch Abwärme angeht. Um den immer weiter wachsenden Bedarf an Kühlleistung zu decken, führt heute kein Weg mehr an Direct Liquid Cooling (DLC) vorbei. Warum diese Technologie für KI-Rechenzentren unverzichtbar ist und wie sie funktioniert, erklärt dieser Blog.

Rechenzentren im KI-Zeitalter

Angesichts des KI-Booms prognostiziert der Branchenverband Bitkom e. V. bis 2030 fast eine Verdoppelung der Rechenzentrumskapazität in Deutschland auf 5.000 Megawatt. Im internationalen Vergleich spielt Deutschland jedoch selbst damit nur eine vergleichsweise bescheidene Rolle. In den USA waren bereits im Jahr 2024 Rechenzentren mit einer Gesamtkapazität von rund 50 Gigawatt in Betrieb. Das entspricht dem Zehnfachen der für Deutschland bis 2030 erwarteten Leistung.

RechenzentrumsprojektStandortGeplante Leistung
Wonder Valley AI Data Center ParkKanada7.500 MW
SoftBank France AI Data Center Capacity ProgramFrankreich5.000 MW
Scala — AI City (Eldorado do Sul)Brasilien4.800 MW
Beacon AI Alberta Hyperscale CampusesKanada4.500 MW
ExxonMobils Data Center Power Plant InitiativeUSA1.500 MW

Die fünf größten geplanten Rechenzentrumsprojekte

Woher kommt die Wärmeentwicklung in Rechenzentren?

Leistungsstärkere Rechenzentren erfordern eine steigende Leistungsdichte innerhalb einzelner Racks. In diesen 19-Zoll-Schränken befindet sich die für rechenintensive KI-Workloads notwendige Hardware, darunter Prozessoren (CPUs) und Grafikchips (GPUs). Die im Dauerbetrieb laufende Hardware wandelt dabei jedes zur Stromversorgung eingesetzte Kilowatt in Wärme um. So entstehen Wärmelasten von mehr als 150 kW pro Rack – und das bei mehreren hundert Racks in einzelnen Rechenzentren.

Die Wärmelast eines Racks im Vergleich

Um die Dimension einer Wärmelast von 150 kW einzuordnen, lohnt sich ein Vergleich: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus benötigt zum komfortablen Heizen eine Wärmequelle mit einer Leistung von 10 kW. Ein einziges Rack mit einer Wärmelast von 150 kW erzeugt also genügend Abwärme, um 15 Einfamilienhäuser zu beheizen – und das auf der Fläche eines größeren Kleiderschranks. Umso wichtiger ist daher die Kühlung: Sollen Überhitzung und im schlimmsten Fall Hardwareausfälle vermieden werden, braucht es geeignete und im besten Fall energieeffiziente Maßnahmen zur Temperaturregulierung.

Kühlung im Wandel: Von Luft- zur Flüssigkeitskühlung

Während die Luftkühlung in Rechenzentren vor dem KI-Zeitalter der Standard war, stößt sie bei Wärmeentwicklungen durch KI-Workloads an ihre physikalischen Grenzen. Denn selbst mit optimierten Systemen wie Warm-/Kaltganggehäusen oder Side-Coolern liegt die maximale Kühlleistung von Luft pro Rack bei 35 kW. Bei Wärmeentwicklungen von bis zu 150 kW in KI-Rechenzentren reicht diese Kühlleistung schlichtweg nicht mehr aus. Stattdessen setzen Betreiber solcher Rechenzentren auf Direct Liquid Cooling. Dabei wird mit entmineralisiertem Wasser gekühlt, das 3.500-mal so viel Wärme aufnehmen kann wie Luft. Das macht Wasser zu einem idealen Kühlmittel für Anwendungsbereiche mit hoher Wärmeentwicklung.

Funktionsweise von Direct Liquid Cooling

Das Grundprinzip von Direct Liquid Cooling basiert auf einem geschlossenen Flüssigkeitskreislauf, der die entstehende Wärme aufnimmt und kontrolliert aus dem Rechenzentrum abführt. Ein entscheidender Vorteil dabei: Das kühlende Wasser wird mithilfe eines Rohrsystems direkt dorthin geleitet, wo die Wärme entsteht – bis hin direkt auf den Prozessor (daher „Direct“ Liquid Cooling). So kann besonders effektiv gekühlt werden, ohne dass sich die Wärme im Serverschrank ausbreiten kann.

Aufbau und Komponenten im Kühlkreislauf

Wie genau das in der Praxis funktioniert, lässt sich am Beispiel eines Grafikchips (GPU) verdeutlichen, der zu den größten Wärmequellen in KI-Rechenzentren zählt. Ein solcher Porzessor, etwa der NVIDIA Blackwell, verfügt zwar nur über eine Fläche von 7,5 cm2, kann aber eine Wärmeleistung von bis zu 1.000 Watt erzeugen. Um diese Abwärme direkt am Entstehungsort abzuführen, ist auf dem Prozessor eine sogenannte Coldplate (ein kleiner Wärmetauscher) aufgesetzt. Dabei handelt es sich um eine metallische Platte mit einer an das DLC-System angeschlossenen Flüssigkeits-Leitung. Aufgrund der hohen Wärmeleitfähigkeit von Metall nimmt die Coldplate den Großteil der entstehenden Wärme auf und überträgt sie an die zirkulierende Kühlflüssigkeit. Von dort aus transportiert das Wasser die Wärme bis zur CDU (Coolant Distribution Unit), die als Zentralverteiler den Durchfluss der Kühlflüssigkeit regelt und Temperatur sowie Druck überwacht. Am Ende des Kreislaufs befindet sich der Chiller, der die Wärme an die Umgebungsluft abgibt oder für die Wärmerückgewinnung nutzt. Genau hier liegt ein zusätzlicher Vorteil von DLC. Auf dem Rückweg vom Rack zum Chiller erreicht das Wasser im sogenannten Rücklauf Temperaturen von rund 50 °C. Diese vergleichsweise hohe Temperatur ermöglicht es, die Abwärme beispielsweise zur Beheizung von Gebäuden zu nutzen.

Wie sicher ist Direct Liquid Cooling?

Direct Liquid Cooling stellt bei ordnungsgemäßem Betrieb kein Sicherheitsrisiko für Rechenzentrumsinfrastrukturen dar. Bei den nach OPC-Standards entwickelten Systemen von Rittal sind zum einen kritische Komponenten doppelt verbaut (Redundanzoptionen), sodass die Kühlung auch bei technischen Ausfällen über fest definierte Rückfallszenarien weiterläuft. Zum anderen halten die Rohrleitungen und die weiteren Komponenten des Kühlkreislaufs deutlich höhere Druckbelastungen aus als den üblichen Systemdruck von zwei bar. Zusätzlich überwachen Sensoren kontinuierlich Durchfluss, Druck und Temperaturen im Kühlkreislauf. Treten hier Anomalien auf, erkennt eine Software dies und schlägt frühzeitig Alarm. Dank Hot-Swap-Funktion können außerdem kritische Komponenten im laufenden Betrieb ausgetauscht werden, was längere Stillstands Zeiten verhindert. 

Fazit

Direct Liquid Cooling ist eine Schlüsseltechnologie für den Betrieb von KI-Rechenzentren. Die steigende Leistungsdichte heute benötigter Hardware führt zu Wärmelasten, die mit herkömmlicher Luftkühlung nicht mehr beherrschbar sind. Durch die bessere Wärmeaufnahmefähigkeit und die direkte Wärmeabfuhr an der Quelle ermöglicht DLC eine deutlich höhere Kühlleistung und -effizienz und schafft so die Grundlage für den zuverlässigen und sicheren Betrieb leistungsstarker KI-Rechenzentren.
Im Übrigen ist das auch die Grundlage für künftige Wärmerückgewinnung in Rechencentren, so dass die Abwärme für andere Anwendungen, beispielsweise Fernwärme, genutzt werden kann.

FAQ

1. Warum ist Direct Liquid Cooling für KI-Rechenzentren notwendig?

Direct Liquid Cooling ist für KI-Rechenzentren notwendig, weil moderne KI-Hardware Wärmelasten von über 150 kW pro Rack erzeugen kann. Herkömmliche Luftkühlung erreicht dagegen nur etwa 35 kW pro Rack und stößt damit an ihre physikalischen Grenzen. DLC ermöglicht die zuverlässige Kühlung dieser hohen Leistungsdichten.

2. Wie funktioniert Direct Liquid Cooling?

Direct Liquid Cooling führt die Wärme direkt dort ab, wo sie entsteht. Dazu wird entmineralisiertes Wasser über einen geschlossenen Kühlkreislauf zu Komponenten wie CPUs und GPUs geleitet. Die Wärme wird aufgenommen und anschließend kontrolliert aus dem Rechenzentrum abgeführt.

3. Welche Vorteile bietet Direct Liquid Cooling gegenüber Luftkühlung?

Direct Liquid Cooling nutzt Wasser als Kühlmedium, das etwa 3.500-mal mehr Wärme aufnehmen kann als Luft. Dadurch lassen sich deutlich höhere Wärmelasten bewältigen als mit einer Luftkühlung. Das sorgt für eine effizientere und leistungsfähigere Kühlung in KI-Rechenzentren.

4. Ist Direct Liquid Cooling sicher?

Ja, Direct Liquid Cooling gilt bei ordnungsgemäßem Betrieb als sicher. Sensoren überwachen kontinuierlich Temperatur, Druck und Durchfluss im Kühlkreislauf. Zusätzlich erhöhen redundante Komponenten und definierte Rückfallszenarien die Betriebssicherheit.

5. Kann die Abwärme von Direct Liquid Cooling genutzt werden?

Ja, Direct Liquid Cooling ermöglicht die Nutzung von Abwärme zur Wärmerückgewinnung. Das Kühlwasser erreicht im Rücklauf Temperaturen von rund 50 °C. Diese Wärme kann beispielsweise zur Beheizung von Gebäuden oder künftig für Fernwärmeanwendungen genutzt werden.

Lars Platzhoff, Dipl.-Ing., Dipl.-Wirt.-Ing.
Executive Vice President Business Unit Cooling Solutions bei Rittal

Mit langjähriger, weltweiter Erfahrung in der Industrie unterstützt Lars Platzhoff die Elektrifizierung und Dekarbonisierung in Rechenzentren, Energieversorgung und Automation.

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